Seit dem 1. Januar 2026 gilt Esports in Deutschland offiziell als gemeinnützig. Das Steueränderungsgesetz 2025 macht es möglich: Esports-Vereine können Steuervergünstigungen beantragen, Turniere können öffentlich gefördert werden, und der Gesetzgeber sendet damit ein klares Signal, dass er digitalen Wettkampfsport als gesellschaftlich wertvoll betrachtet. Soweit, so fortschrittlich. Nur wenige Kilometer entfernt, in denselben Ministerien und Regulierungsbehörden, gilt offenbar eine andere Logik. Denn während das Steueränderungsgesetz 2025 die Esport-Gemeinnützigkeit festschreibt, bleibt die Frage, was das für Wetten auf eben diesen Sport bedeutet, vollständig offen. Wer heute auf Counter-Strike- oder League-of-Legends-Matches tippen will, bewegt sich in einer regulatorischen Grauzone, die der Staat selbst geschaffen hat.
Die Gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder (GGL), die ihren Sitz in Sachsen-Anhalt hat, erkennt Esports bis heute nicht als Sportart im Sinne des Glücksspielstaatsvertrags 2021 an. Der GlüStV definiert Sportwetten als Wetten auf sportliche Ereignisse, lässt aber offen, was genau darunter fällt. Die GGL hat diese Frage nicht beantwortet, zumindest nicht offiziell. Das Ergebnis ist ein regulatorisches Loch, durch das täglich Millionen von Wetten fallen, ohne dass irgendjemand so recht dafür zuständig sein will. Auch der eSport-Bund Deutschland (ESBD) drängt seit Jahren auf eine verbindliche Klärung, bislang ohne Ergebnis.
Lizenzierte Anbieter, die trotzdem am Rahmen vorbeiwetten
Man könnte annehmen, dass Buchmacher auf der offiziellen GGL-Whitelist das Problem gelöst haben. Schließlich haben sie den deutschen Lizenzprozess durchlaufen und halten alle geforderten Auflagen ein. Doch bei Esports-Märkten, etwa Wetten auf League-of-Legends-Turniere oder CS2-Matches, wechseln selbst diese Anbieter die Rechtsgrundlage. Sie bieten solche Produkte über parallele EU-Lizenzen an, typischerweise aus Malta unter der Aufsicht der Malta Gaming Authority (MGA), außerhalb des deutschen Rahmens. Das ist kein Gesetzesbruch, eher ein Gesetzesdurchschlupf. Für Spieler bedeutet es aber: Die Verbraucherschutzregeln, die der GlüStV eigentlich gewährleisten soll, gelten in diesem Moment nicht. Esports-Wetten sind für lizenzierte Sportwettenanbieter in Deutschland de facto ausgeschlossen, sobald sie den deutschen Rahmen einhalten wollen.
Konkret fehlen dann die deutschen Anforderungen zur Einzahlungsobergrenze, zur Spielersperre über das OASIS-System sowie die Anbindung an LUGAS, das Limitierungs- und Spielersperrsystem für lizenzierte Anbieter. Auch die gesetzlich vorgeschriebene Beratungspflicht bei problematischem Verhalten greift nicht mehr. Ob ein Esports-Wettkunde aus Köln oder Erfurt überhaupt weiß, auf welcher Rechtsgrundlage er gerade wettet, darf man bezweifeln. Die meisten Nutzeroberflächen machen diesen Unterschied nicht transparent.
Ein Widerspruch, den der Gesetzgeber selbst erzeugt hat
Was mich an dieser Situation besonders stört, ist die Gleichzeitigkeit. Der Bundestag verabschiedet ein Gesetz, das Esports ausdrücklich als gemeinnützig einstuft, also als Aktivität mit gesellschaftlichem Mehrwert. Gleichzeitig läuft eine Regulierungsbehörde, die demselben staatlichen System untersteht, ohne verbindliche Einordnung weiter. Das ist kein Versehen, das ist ein strukturelles Versagen. Wenn der Staat etwas fördern will, muss er auch regeln, was damit im Glücksspielkontext passiert. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hat Esports bisher nicht formal als Sport anerkannt, was die Frage der Klassifizierung nach § 3 Abs. 1 GlüStV zusätzlich erschwert. Solange der DOSB bei seiner Haltung bleibt und die GGL keine eigene Definition liefert, dreht sich die Debatte im Kreis.
Der GlüStV 2021 war bei seiner Einführung schon knapp an der Realität. Esports war damals kein Randphänomen mehr, trotzdem wurde die Frage der Klassifizierung offen gelassen. Seitdem ist der Markt gewachsen, die Rechtslage nicht. Juristen und Verbände, darunter auch game e.V. als Verband der deutschen Games-Branche, fordern deshalb eine klare Lex Esports innerhalb des Glücksspielstaatsvertrags. Eine solche Lex-specialis-Regelung würde Esports explizit als wetttaugliche Sportart definieren und damit lizenzierte Anbieter in die Pflicht nehmen, Esports-Produkte unter denselben deutschen Auflagen anzubieten wie klassische Sportwetten.
Was fehlt, ist politischer Wille
Technisch wäre das lösbar. Die GGL könnte in einer Verwaltungsvorschrift klarstellen, welche Esports-Disziplinen unter den Begriff "sportliches Ereignis" fallen, ähnlich wie andere europäische Regulierungsbehörden das bereits getan haben. Die belgische Gaming Commission hat entsprechende Kategorisierungen vorgenommen, die schwedische Spelinspektionen arbeitet mit expliziten Esports-Definitionen. Deutschland kann das nicht als technisches Neuland bezeichnen.
Stattdessen passiert das, was in deutschen Regulierungsdebatten häufig passiert: Man wartet. Die Länder einigen sich nicht, die GGL agiert vorsichtig, und die Anbieter nutzen die Lücke pragmatisch. Dabei wächst parallel das Problem des Schwarzmarkts. Wer auf illegalen Sportwetten-Websites wettet, die die GGL bereits gesperrt hat oder zu sperren versucht, genießt noch weniger Schutz als jemand, der über eine maltesische EU-Lizenz auf Esports tippt. Die Vollzugspraxis der GGL gegenüber unregulierten Anbietern ist öffentlich dokumentiert, aber die Sperrung einzelner Websites löst das strukturelle Problem nicht. Die Bundesländer tragen gemeinsam Verantwortung für den GlüStV, und genau diese Zuständigkeitsverteilung macht schnelle Korrekturen schwierig.
Für die Nutzer bleibt eine unbefriedigende Situation. Wer auf einem deutschen Sportwetten-Portal ein Esports-Match tippt, befindet sich in einer rechtlichen Grauzone, ohne das erkennen zu können. Der Anbieter ist lizenziert, die Wette läuft, aber der Schutzrahmen greift nicht vollständig. Das ist kein theoretisches Problem, das ist der Alltag für einen erheblichen Teil der deutschen Wettkundschaft.
Die Frage, die nach der Gemeinnützigkeitsreform eigentlich beantwortet werden müsste, lautet: Wie lange kann der Staat Esports gesellschaftlich anerkennen und im Glücksspielrecht weiter ignorieren? Eine Antwort wird kommen, freiwillig oder durch Druck aus Brüssel. Bis dahin wettet Deutschland in der Grauzone weiter.